“Der Hebel” – was meinen Politiker, wenn sie davon sprechen?
“Der Hebel” ist derzeit in aller Munde. Speziell in denen von Politiker. Manche Berufsgruppen, können mit dem Wort etwas anfangen, z.B. Physiker, Automechaniker, Kampfsportler oder auch Banker. Der physikalische Hebel ist ein mechanischer Kraftwandler bestehend aus einem starren Körper, der an einem Angelpunkt drehbar befestigt ist. Das dazu gehörende Gesetz (Hebelgesetz) war bereits in der Antike bekannt. Schon Archimedes sagte: “Gebt mir einen festen Punkt im All und ich werde die Welt aus den Angeln heben.” Wie anschaulich dieses Bild doch ist.
Der Hebel, den die Politiker nun beschwören ist eine Kennzahl (auch Leverage genannt) aus dem Bereich der Finanzwelt. Mit wenig Aufwand soll der größtmögliche Nutzen erzeugt werden. Doch gelingt dies auch? Kann man damit Staaten retten? Schauen wir doch einmal hinter die Kulissen des Hebels:
Zuerst steht die Investition im Vordergrund. Das heißt, Investoren in Form von Banken oder Industrieunternehmen legen Geld in Form von Staatsanleihen an und erhalten dafür Zinsen von dem jeweiligen Staat. Die Laufzeit der Anleihen sind auf ein paar Jahre begrenzt. Danach – also bei Endfälligkeit – werden die Anleihen wieder zurückbezahlt. Der Investor erhält sein eingesetztes Kapital wieder zurück (kommt auf die Wahl der Anleihe an, ist aber im Grundsatz so).
So weit, so gut. Das galt bisher. Und dann kam Griechenland!
Im Frühjahr 2010 erklärte Griechenland, dass sein Staatsdefizit viel höher ist, als sie es publik gemacht haben. Nach einigen unerquicklichen und auch erfolglosen Anstregungen des Landes übernahm die EU die Kontrolle des griechischen Haushalts. Zudem einigten sich die europäischen Staaten und der internationale Währungsfonds (IWF) darauf, dass Griechenland geholfen werden muss. Im Mai 2010 werden 110 Milliarden (110.000.000.000) Euro als Hilfe für Griechenland genehmigt. Insgesamt genehmigt Europa 750 Mrd. Euro als sogenannten Rettungsschirm. Die “Verwaltung” dieses unglaublich großen Betrages übernimmt die neu gegründete Gesellschaft “Europäische Finanzstabilisierungsfazilität” (EFSF). Einzelne europäische Staaten übernehmen entsprechend ihres Anteils an der Europäischen Zentralbank (EZB) Garantien. Am Anfang waren dies insgesamt 440 Mrd. Euro. Der IWF beteiligt sich ebenfalls mit 250 Mrd. Euro und die EU-Kommission steuert 60 Mrd. Euro bei, so dass faktisch 750 Mrd. Euro zur Verfügung stehen würden.
Und dann kam Irland, welche 85 Mrd. Euro Hilfszusagen erhielten, Portugal erhielt 78 Mrd. Euro an Darlehen. Weitere Staaten stehen zu einer möglichen Rettung an: Spanien und Italien. Spannende Frage: Werden sich letztere Staaten alleine “retten” können, also ihren Staatshaushalt aus eigener Kraft sanieren können, oder sind beide ebenfalls auf Rettung durch die Gemeinschaft angewiesen? Offensichtlich sind die Europa-Retter skeptisch, denn: im Juni 2011 wird der Rettungsschirm ausgeweitet. Deutschland ist seitdem mit 211 Mrd. Euro als Garantiegeber vertreten.
Reicht der Rettungsschirm nun? Nein, wenn man folgendes Szenario bedenkt: Spanien braucht bis 2014 ca. 250 Mrd. Euro, um spanische Anleihen zurückzuzahlen und Italien benötigt ca. 500 Mrd. Euro.
Und an dieser Stelle kommt der Hebel ins Spiel. Von Allianz-Vorstand Paul Achleitner stammt das Konzept. Der EFSF soll künftig mit seinem Geld die Ausgabe von Staatsanleihen kriselnder Staaten im Euro-Raum absichern. Das heißt im Klartext: Portugal, Italien, Irland und Spanien geben Staatsanleihen aus. Nun kommen diese Staaten in Zahlungsschwierigkeiten und fallen aus (können ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen). Dann soll der EFSF die ersten 20% der Forderungen an die Gläubiger bezahlen.
Hier sehen Sie ein Beispiel für eine Rückzahlung von 60% des aufgenommenen Kapitals:

Und hier zeige ich Ihnen, was passiert, wenn die Rückzahlung des aufgenommen Kapials kompett ausfällt:
Damit ist es möglich, die derzeit im Rettungsschirm effektiv geparkten 440 Mrd. Euro fünf mal einzusetzen. Somit hätte der Staatsanleihenmarkt insgesamt also 2.200 Mrd. Euro (= 2,2 Billionen Euro) – was für ein Betrag – zur Verfügung. Investoren, die künftig also unter Berücksichtigung von Garantien des EFSF Geld bei den schwachen europäischen Staaten anlegen erhalten im schlimmsten Fall also 20% ihres eingesetzten Betrages wieder zurück. Garantiert!
Und an dieser Stelle frage ich Sie, liebe Leser: wer macht denn so was? Und hier kommt auch gleich die Antwort:
1) alle diejenigen, welche sich die Anlage von Geld mit extrem hohen Zinsen die Unsicherheit der Rückzahlung bezahlen lassen = Spekulanten
2) alle diejenigen, welche quasi gezwungen werden = Euro-Patrioten
3) alle diejenigen, welche wirtschaftliches Interesse an einer funktionierenden EU haben = China und USA
Mit dem Rettungsschirm ist also die Staatenwelt und der Kapitalmarkt erst mal wieder ruhig gestellt. Die Staaten haben die Möglichkeit, ihre Haushalte zu sanieren. Doch was passiert, wenn dies nicht gelingt und der erste Staat seine Anleihen nicht mehr zurückzahlen kann? Dann kommen wir genau in die Lage, in welcher wir 2008 bereits waren: die Finanzkrise ausgelöst durch die Pleite von Lehman Brothers.
Die Investoren müssen Kapital abschreiben und Verluste hinnehmen. Im Einzelnen schaut dies folgendermaßen aus:
1) Investor 1 = eine Bank in Form einer Aktiengesellschaft:
Nehmen wir an, diese Bank ist zu groß, als dass sie Pleite gehen könnte (Systemrelevanz). Dann wird der Staat einspringen und die Bank retten. Dies kostet also dem deutschen Staat wieder gehörig Geld und treibt Deutschland weiter in die Schulden
2) Investor 2 = eine Landesbank:
Diese Bankenstruktur ist derzeit sowieso auf dem Prüfstand und befindet sich zumeist in den Händen von Landesregierungen. Nun werden die Anteilseigner also erneut Geld in die Bank pumpen, um eine Insolvenz abzuwenden.
3) Investor 3 = Industrieunternehmen:
Entweder ist das Industrieunternehmen groß genug (oder hat wenig genug investiert), um den 80%-Verlust tragen zu können, dann ist dies zwar traurig, aber verkraftbar. Die Aktionäre werden wenig begeistert sein, wenn sie keine Dividende erhalten und der Aktienkurs wird einbrechen. Wenn das Unternehmen allerdings nicht groß genug ist, um den Verlust ausgleichen zu können, wird eine Insolvenz nicht auszuschliessen sein.
Noch ist nichts verloren!
Ihre
Iris Schöberl



Oktober 24th, 2011
Iris Schöberl 


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eine sehr schöne und nachvollziehbare Auflistung und Erklärung der Situation. Teilweise konnte ich als Laie verstehen, was Du meinst. Dein Szenario ist ja krass und ich glaube gar nicht mal so weit weg von der Realität. Was sagst Du denn für die Zukunft voraus? Wie wird sich der Euro und die EU entwickeln? Was für mögliche Szenarien gibt es?
Viele Grüße,
Sebastian
ich würde ja gerne in die Zukunft sehen und hier schildern, wie es mit dem Euro weiter geht. Leider kann ich das nicht. Der Euro und die damit verbundene “Rettungsaktion” ist derzeite eine Zerreissprobe der Politik. Staaten und deren Interessen stehen einander gegenüber. Deutschland ist auf der einen Seite und vertritt die Meinung, dass innerhalb der Europäischen Gemeinschaft Taten den vollmundigen Versprechen von Sparmaßnahmen folgen müssen. Diese Meinung vertritt Frau Merkel sehr standhaft und sehr gut. Alles andere wäre aus Sicht von Deutschland kontraproduktiv. Dieser Meinung gegenüber stehen andere Staaten, die Sparmaßnahmen auf Kosten der Bürger (von denen die Politiker ja wiedergewählt werden wollen) ablehnen. Dennoch wird es unumgänglich sein, zu sparen. Immerhin kann man nicht mehr ausgeben als man einnimmt. Das ist eine ganz einfache Weisheit, an die sich viele Staaten im Europaraum nicht gehalten haben. Die von Dir gewünschten Szenarien werde ich in einem der nächsten Blogs aufgreifen und erläutern.
Grüße
Iris